Nürnberg

Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

still 04 1024x576 Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

Foto von der Performance, © Philip Fleischer

„Ihr wirkt so, als würdet ihr gar nicht glauben, dass daraus etwas werden kann. Jetzt muss ich ständig positiv denken, obwohl das eigentlich auch nicht so meine Art ist.“

So lautete die Aussage des Künstlers Ulf Aminde während einer der Proben mit seinem Chor der aversiven Anspannung. Mit „Daraus“ war seine Performance gemeint, die im Zuge der Großausstellung „30 Künstler/30 Räume“ in Zusammenarbeit mit dem Borderline-Trialog Nürnberg realisiert wurde. In meiner Position als Praktikantin am Institut für moderne Kunst Nürnberg hätte ich zwar erwartet, bei der Organisation und Realisation der Veranstaltung mitzuhelfen, doch unverhofft fand ich mich darin als Partizipantin wieder.

still 01 1024x576 Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

Foto von der Performance, © Philip Fleischer

Ich war neugierig, wie das Thema „Borderline“, über das ich in groben Zügen Bescheid wusste, wohl künstlerisch in einer Performance umgesetzt werden würde. Unsere erste Probe am Freitag beschränkte sich auf Artikulationsübungen und das Lesen von Texten, die von Teilnehmern des Borderline-Trialogs im Vorfeld für das Projekt verfasst worden waren. Im Laufe der nächsten Proben wurden diese noch um Passagen aus der Occupy-Bewegung und Teilen aus dem „Fragebogen zur Bestimmung einer Persönlichkeitsstörung“ ergänzt. Am Sonntag inspizierten wir das erste Mal den Nürnberger Milchhof, der uns als Aufführungsraum dienen sollte. Es handelte sich um eine Aula, deren zwei obere Stockwerke mit Balkonen ausgestattet waren, die rings herum führten. Wir probten auf dem obersten Balkon, um die klassische Publikums-Bühnen-Situation im Erdgeschoss zu umgehen. Unsere Aufgabe bestand dabei darin aus absoluter Stille zunächst durch Laufen und dann durch immer stärkere Bewegungen und Handlungen Lärm zu erzeugen, der sich bis zu einem Maximum steigern sollte. Anfangs fiel uns das extrem schwer, weil wir nicht genau wussten, wie wir vorgehen sollten. Daraufhin meinte Ulf, dass wir ihn heute irgendwie nervten. Komischerweise motivierte uns diese Aussage dazu ausreichend Lärm zu erzeugen. Danach testeten wir das Sprechen in der Halle. Die Akustik war suboptimal, da wir extrem laut und überdeutlich sprechen mussten, damit man uns unten überhaupt verstand. Ulf meinte aber, dass das nicht so wichtig sei, da am nächsten Tag schon mit technischer Unterstützung, sprich Mikrofonen, Mischpult etc. zu rechnen wäre. Er erklärte uns auch, das die Sprechübungen von Freitag, bei denen wir das überdeutliche Artikulieren der einzelnen Wörter und Silben geübt hatten, eben genau das waren: eine Übung. Bei der tatsächlichen Performance könnten wir mehr so sprechen wie es uns lag. Bei einigen, unter anderem auch bei mir, hatten diese Sprechübungen aber den Drang geweckt, laut sprechen, fast schreien zu wollen. Hinsichtlich einer einheitlichen Kleiderordnung bestand bis zuletzt Uneinigkeit und der Vorschlag des Künstlers elegante Kleidung zu tragen stieß auf Widerstand. Somit lag das eigene äußerliche Erscheinungsbild in den Händen jedes Einzelnen. Ulf ernannte außerdem einen der Teilnehmer zum Master of Ceremony/Desaster, der uns Ulfs Zeichen zum Einsatz weitergeben sollte.

still 05 1024x576 Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

Foto von der Performance, © Philip Fleischer

Am Tag der Performance trafen wir zwei Stunden vor dem Auftritt im Milchhof ein. Trotz der bis zum Schluss anhaltenden Diskussion über die Kleiderordnung kamen die meisten Teilnehmer eleganter als sonst. Auch Ulf hatte sich kurzfristig noch eine schwarze Hose besorgt. Uns wurden kurz vorher noch minimal abgeänderte Textfassungen gegeben und zur Vorbereitung summten und sangen wir uns im Innenhof ein. Danach gingen wir nach oben und hielten uns nahe der Wand auf, damit uns niemand sah. Als wir aber merkten, dass das Publikum gebannt nach vorne sah, wurden wir übermütiger und nahmen schließlich unsere Plätze auf dem Balkon ein. Tatsächlich waren alle so eingebunden in die aufgebaute Situation von Stühlen und Rednertisch mit dahinter laufendem Video, dass niemand nach oben sah. Auch als wir auf das Zeichen des Master of Desaster anfingen, den Vortrag von Ulf zu stören, bemerkte das anfangs kaum jemand. Ich vermute, das Publikum nahm erst Notiz von uns, als wir immer lauter wurden. Gesehen haben wir es aber nicht, da wir derart in die Performance vertieft waren. Als wir den maximalen Lärmpegel erreicht hatten, folgte dann auf den Schrei „Aua!“ des Masters of Desaster hin zunächst absolute Stille und Ulf beendete seinen Vortrag. Daraufhin lasen wir nach und nach unsere Texte vor. Das Ganze klang besonders gut, weil wir auf einmal auf unsere ganz eigene Art und Weise sprachen. Nun konnte ich nachvollziehen, warum Ulf nicht wollte, dass wir alle an der „professionellen“ Sprechweise festhielten. Auch wenn uns die Zuschauer von unten tatsächlich kaum erkennen konnten, hörten sie die individuellen Stimmfarben, Lesetempi, Pausen und Betonungen. Es entstand ein Konzert der Persönlichkeiten, die sich alle auf ihre Weise und mit dem ihnen zugewiesenen Text an das Publikum wandten.

still 02 1024x576 Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

Foto von der Performance, © Philip Fleischer

Uns alle erfasste nach dem Auftritt ein von Stolz genährtes Hochgefühl. Es war mitreißend, dieses nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei allen anderen Beteiligten zu spüren. In den Augen der meisten Teilnehmer waren wir bei der singenden Lärmsteigerung nicht laut genug, was ich ähnlich empfunden hatte. Schenkt man jedoch den Zuschauern Glauben, so habe man die Anspannung regelrecht gespürt und es hätte nicht mehr lauter werden dürfen. Einige hatten sich gegen Ende anscheinend auch die Ohren zugehalten, was ich leider nicht gesehen habe. Als wir dann draußen standen merkte ich vor allem einer Mitwirkenden an, dass ihr das Projekt sichtbar etwas gebracht hatte. Sie sagte mir, das es toll sei zu sehen, dass man etwas kann. Am Freitag hatte sie zu Beginn auf mich einen widerwilligen Eindruck gemacht, da sie leise und lustlos vorgelesen hatte. Das änderte sich jedoch schnell, sobald es uns überlassen wurde, ob wir schnell, langsam, laut oder leise lasen. Bis zum Schluss hat sie mit am lautesten vorgetragen. Die Vorstellung, dass ich diese Leute nun gar nicht mehr sehen würde, empfand ich in diesem Moment zwar komisch, aber dachte, dass dieses Gefühl sicherlich schnell verfliegen würde. Immerhin kannte ich sie ja noch nicht lange. Als jedoch mein Praktikum endete, merkte ich, dass es doch äußerst merkwürdig ist, ein paar Tage sehr viel Zeit mit Menschen zu verbringen, mit ihnen zusammen zu arbeiten und gegebenenfalls auch mit ihnen aneinander zu geraten und dass das dann plötzlich alles wieder vorbei ist. Einige Tage später kam von Ulf eine Mail, in der er genau dieses Phänomen beschrieb und forderte alle Mitwirkenden auf, sich in einem Biergarten zu treffen um gemeinsam weiterhin kreative Projekte anzustreben.

still 03 1024x576 Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

Foto von der Performance, © Philip Fleischer

Share Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • twitter Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

2 Gedanken zu “Ein Chor der aversiven Anspannung – Erfahrungsbericht von Laura Kubitzek

  1. Dein Erlebnisbericht spiegelt genau meine Empfindungen wieder. Du hast dir merklich Mühe gegeben die intensiven Stunden und doch so wenigen Probetage mit dem letztendlichen Auftritt malerisch zu beschreiben. Vielen Dank dafür.

    … und was das schöne daran ist: Es gab wirklich ein Treffen im Biergarten. Das wird nicht das letzte gewesen sein, denn die Teilnehmer entschieden sich dazu, weitere Kunstprojekte zu erarbeiten.

    MoD

  2. Klasse geschrieben, ich hätte meine Gefühle,Erfahrungen zu unserem Chor nicht besser ausdrücken können.
    Ein kurzer aber doch total übersichtlicher Bericht,verständlich und auch spannend geschrieben.
    Danke Laura!!!!!
    LG. Angelika

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>