Im Schirmer/Mosel Showroom zeigt Simone Nieweg dem aufmerksamen Betrachter eine botanische Dokumentation, welche die Natur in ein wohl durchdachtes Bild fasst.
Dies ist zum einen der Fall, weil die Fotografin ihr Motiv mit unverhohlener Präzision in Szene setzt. Dabei wird ihr fotografisches Auge durch die Verwendung einer Großbildkamera unterstützt. Bei dieser Aufnahmetechnik steht das Motiv auf dem Kopf, sodass die Bildkomposition stark im Vordergrund steht. Durch eine lange Belichtung wirkt alles gleich scharf und damit sehr nah, was zu einer zusätzlichen Präsenz der Bildsprache führt.
Garten mit blauer Hütte, Belfort 2004; Handabzug auf Acryl, gerahmt; 58 x 66,5 cm (38 x 51 cm); Ed.-Nr. 5/8; © Simone Nieweg courtesy Schirmer/Mosel
Zum anderen ist es das Motiv an sich, welches das Thema Konzeption wiederspiegelt. Die Becher-Schülerin Simone Nieweg hat sich in ihrem seit 30 Jahren währenden künstlerischen Schaffen konsequent der Abbildung von Nutzgärten in Deutschland, Frankreich und England gewidmet. Diese Gärten sind Überbleibsel einer in Europa verankerten Tradition und entwickelten sich aus dem Begriff „Grabeland“ aus dem 19. Jahrhundert. Im Zeitalter der Industrialisierung diente dieses, vom Flächennutzungsplan nicht beplante und vorübergehend verpachtete Land der Selbstversorgung der in die Stadt strömenden Arbeiter. Aufgrund der Kurzweiligkeit des Besitzes wurden nie Häuser oder Mauern, sondern höchstens provisorische Lauben und Zäune errichtet. Der durch den historischen Hintergrund entstandene Anschein von Vergänglichkeit verleiht wiederrum den Fotografien eine melancholische Anmut.
Florentiner Kohl, Yutz, Moselle 2004; Handabzug auf Acryl, gerahmt; 58 x 68,5 cm (38 x 51 cm); Ed.-Nr. 5/8; © Simone Nieweg courtesy Schirmer/Mosel
Zwar sind die Nutzgärten Zeugnis von Bürgerlichkeit und der menschlichen Einwirkung auf die Natur. Niewegs Fotografien sind jedoch menschenleer und zeigen somit eine pure pflanzliche Natur. Eigentlich sind die Gärten nicht besonders spektakulär und kommen uns bekannt vor. Dennoch wirken sie wie entrückt. Manchmal muten die unterschiedlichsten Nutzpflanzenarten fremd, sogar fast außerirdisch an. Mutantenhaft sprießen verschiedene Kohlarten in den Beeten, so beispielsweise auf „Florentiner Kohl, Yutz, Moselle 2005“ oder „Kohlpflanzen, Mirty-Mory, Seine-et-Marne 2006“. Ein anderes Mal führen uns die Fotografien aber auch in die Vergangenheit zurück. So sieht man die in “Artischocken, Villetaneuse, Seine-Saint Denise 2005„ abgebildeten Artischocken heutzutage kaum mehr in Gärten. Oder auch der Mispelbaum ist in Frankreich selten geworden („Mispelbaum, Yutz, Moselle 2005“).
Mispelbaum, Yutz, Moselle 2005, Handabzug auf Acryl, gerahmt, 58 x 68,5 cm (38 x 51 cm), Ed.-Nr. 2/8; © Simone Nieweg courtesy Schirmer/Mosel
Frei von jeglicher romantischen Perspektive fühlt der Betrachter sich angesprochen selbst am gärtnerischen Arbeitsprozess teilzunehmen und seine Hände in die Erde zu graben. Selbst die doch von ihrem Erscheinungsbild grundsätzlich kitschig anmutenden blühenden Aprikosenbäume vermitteln eher den Eindruck von Nutzbarkeit als dass die romantische Gefühle hervorrufen („Aprikosenbaumplantage, Saze Vaucluse 2011“).
Aprikosenbaumplantage, Saze Vaucluse 2011; Handabzug auf Acryl, gerahmt; 58 x 68,5 cm (38 x 51 cm); Ed.-Nr.1/8; © Simone Nieweg courtesy Schirmer/Mosel
Das liegt wohl auch an der Tatsache, dass in den meisten Fotos ein Augenmerk auf den Erdboden und die Umgebung, in der die Pflanzen wachsen, gelegt wird. Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit „Feldgarten im Winter, Schwalmtal, Rheinland 2001“, die verschiedene Erdabschnitte zeigt, von umgegrabener Erde über das bepflanzte Beet bis hin zum Acker auf dem sich bereits ein wenig Grasgrün zeigt und an den Seiten von einer Allee und einem kleinen Trampelpfad abgegrenzt wird.
Feldgarten im Winter, Schwalmtal, Rheinland 2001; Handabzug auf Acryl, gerahmt; 58 x 68,5 cm (38 x 51 cm); Ed.-Nr. 2/8; © Simone Nieweg courtesy Schirmer/Mosel
Die Arbeit Simone Niewegs lässt uns einen vergessenen Blick auf die Natur zwischen Parkanlagen und der „Wilden Natur“, die heutzutage in den Freizeitaktivitäten des modernen Menschen inkludiert ist und vor allem außerhalb der Stadt lokalisiert wird, werfen. Die Fotografien führen uns zu einer für den Menschen ursprünglicheren Umgangsweise mit der Natur, die immer noch im urbanen Kontext an den Stadträndern stattfindet. Aus der Sicht vieler gehören Nutzgärten der Vergangenheit an. Dennoch gewinnen sie durch das aufkeimende ökologische Lebensbewusstsein und Projekte wie „Guerilla Gardening“ an Aktualität. Wenn auch diese Betrachtungsebene von der Künstlerin nicht intendiert sein mag, so bereichert sie wiederum Simone Niewegs Werk.




