München

Thomas Ruff spaltet im Haus der Kunst die Gemüter

Die Werkschau Thomas Ruffs im Haus der Kunst hat die Gemüter unserer Münchner Redaktion sehr gespalten und so haben wir uns entschieden Contra- und Pro-Ansicht gegenüberzustellen. Wir sind gespannt zu welcher Seite Sie tendieren und freuen uns über einen Diskurs in den Kommentaren!

zycles 3085 druck 1 Thomas Ruff spaltet im Haus der Kunst die Gemüter
Thomas Ruff
, zycles 3085, 2009 
aus der Serie: Zycles
, Pigment Print
 266 x 206 cm
, © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

CONTRA von Benita Böhm

Thomas Ruff ist zweifelsohne einer der Großen im Kunstgeschäft und mit der nach zehn Jahren erstmaligen Übersichtsschau seiner bekannten Werkserien hat sich das Haus der Kunst sicherlich einen Publikumsmagneten gesichert. Okwui Enwezor stellte bei der Eröffnung in seiner Willkommensrede treffend fest, dass der Kurator Thomas Weski Thomas Ruffs ganz eigene Welt verstehen musste. Im Pressetext heißt es zudem, die Ausstellung vollziehe die künstlerische Entwicklung des Fotografen. Doch begeht man die monumentalen Ausstellungsräume, so fragt man sich unweigerlich, ob sich überhaupt ein roter Faden durch die Werkserien zieht. Diesen vermag man nur in Ruffs Bestreben die technischen Möglichkeiten der Fotografie und Bildkomposition auszuloten zu erkennen, denn thematisch sind die Motive der Arbeiten von Serie zu Serie unzusammenhängend. Doch im nächsten Moment stutzt man in Raum 8 bei der Betrachtung der “zycles”. Diese Werkgruppe ist charakterisiert durch die Verdichtung und Verbildlichung mathematischer Grafen. Hierfür wurden die Formeln von Zykloiden verwendet, die unter Mathematikern als “ästhetische Kurven” gelten. Mit Fotografie hat das meiner Meinung nach aber nicht mehr viel zu tun.

Zwar bewundere ich seine ausdrucksstarken Portraits. Ergreifend sind sie gerade deshalb, weil die abgebildeten Gesichter emotionslos auf uns herabschauen. Doch eben weil sich deren Mimik nicht zu einem perfekt anmutenden modellhaften Lächeln arrangiert und Makel in ihren Zügen zu erkennen sind, scheint es als könne man tief in die Seele der Portraitierten blicken.

Irritiert ist man jedoch bei dem Gedanken, dass viele Bilder nicht aus der eigenen Hand des Fotografen stammen. Grundsätzlich habe ich ein Problem damit, wenn vorhandene Abbildungen aus dem Internet verwendet werden. Ruff könnte sich höchstens als Konzeptkünstler bezeichnen. Denn die Auswahl seiner wundersamen Sternenbilder und deren künstlerische Darstellung ist konzeptuell sehr gelungen. Ebenso seine “Substrate”, die fast jeden Besucher unweigerlich beeindrucken. Aber wie gesagt, mit Fotografie hat das einmal mehr nichts mehr zu tun.

HDK Ruff Portraet 19881 Thomas Ruff spaltet im Haus der Kunst die Gemüter
Thomas Ruff
, Porträt, 1988, 
C-Print
 210 x 165 cm
, © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

PRO von Franziska Urban

Thomas Ruff lässt in seiner Werkschau abermals seine Faszination zur Fotografie jeglicher Technik und jeglichen Themas deutlich erkennen. In einer erstaunlichen Vielfalt an Bildsujets und an Methoden der Bildentstehung beweist Ruff einmal mehr ein unermüdliches Interesse für dieses Medium der Kunstdarstellung. So staunt man doch sehr, beschäftigt man sich näher mit seinen Thematiken, angefangen bei den „Interieurs“ in Raum 13, die er zwischen 1979 und 1983 anfertigte. Ruff lässt sich hierbei von früheren Fotografen wie Eugène Atget und Walker Evans inspirieren, die zur Entwicklung der Fotografie als neue Kunstform entscheidend beitrugen. Dabei achtete er wie bei seinen Vorbildern auf die sachliche Darstellung und bezeugt somit die Kamera als ideales Werkzeug dafür.

In den nächsten Räumen des Haus der Kunst ist der Besucher dann immer wieder von neuem überrascht von den vollkommen andersartigen Bildmotiven, der Aspekt, der vielleicht auch der Grund dafür ist, dass es anfangs schwer erscheint, den roten Faden der Ausstellung zu finden. So sind zum Beispiel die Werke mit dem übergeordneten Thema „Sterne“ in Raum 5 völlig andersartig. Begeistert von der Astronomie, ließ Ruff die Sternenbilder als abstrakte Werke wirken. Aufgrund fehlender eigener fotografischen Möglichkeiten, arbeitete er mit Originalkopien aus dem Archiv des „European Southern Observatory“ (vgl. Informationsbroschüre zur Ausstellung). Die Disziplin, die Ruff bei seiner Arbeit an den Tag legt, lässt sich in Raum 7 bei den Zeitungsfotos ersehen. 2.500 Fotos aus Zeitungen sammelte Ruff über Jahre, um diese dann später ganz bewusst in ihrer Aussage ohne den erklärenden Text zu beobachten (vgl. Informationsbroschüre zur Ausstellung). Gerade bei dieser Serie, sowie z.B. bei den Serien „Sterne“ und „Nudes“, merkt man, dass Ruff sich nicht nur für Fotografie, die aus künstlerischer Vorstellung entstand, interessiert, sondern auch für eine Fotografie anderer ursprünglicher Funktion. So finde ich persönlich eben diese Umwandlung der Funktion und die damit einhergehende Infragestellung und Wirkung sehr spannend. Weitere vollkommen verschiedenartige Motive für seine Werke fand Ruff im World Wide Web. So weckte ihn – nachdem er ursprünglich nach Material der Aktfotografien recherchierte – mehr und mehr das Interesse an der Überflutung pornografischer Fotografien im Internet. Dabei nimmt vor allen Dingen die Technik der groben Pixelstruktur, die er bei der Bearbeitung der Bilder verwendet, den Blick ein. Denn gerade die verschwommene Gestalt der abgebildeten Figuren erachte ich persönlich als wie geschaffen für das Darstellen von schlüpfrigen Phantasien und anstößigen Motiven aus der Pornografie. Und auch mit den „jpegs“ in Raum 2 beweist Ruffs erneuter Einsatz der Pixelstruktur die gewaltige Auseinandersetzung und Umformatierung im Internet von weltbewegenden Ereignissen wie zum Beispiel dem 11. September.

So erscheint mir die wie im Einleitungstext der Informationsbroschüre formulierte „Vereinung von Mediumsanalyse und Bildfindung“ in der Tat als unglaublich beeindruckend und faszinierend. Genau diese Kombination ist es, die für mich den roten Faden der Ausstellung konstituiert und Ruff zum beispielslosen Künstler macht.

Stern 11h 12m1 Thomas Ruff spaltet im Haus der Kunst die Gemüter
Thomas Ruff
, 11h 12m / -35°, 1989
 aus der Serie: Sterne 
Diasec, C-print
 260 x 188 cm, 
© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

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Ein Gedanke zu “Thomas Ruff spaltet im Haus der Kunst die Gemüter

  1. PRO

    Zunächst war ich sehr enttäuscht, als ich erfuhr, dass die nächste große “Foto”ausstellung im Haus der Kunst Thomas Ruff behandeln sollte (“och, das ist doch der mit den großen Portraits; irgendwie sieht doch jedes Foto cool aus, wenn man es so groß aufbläst; mir wäre Struth lieber gewesen”).

    Die Ausstellung hat mich eines Besseren belehrt: Erstens sind die großen Portraits, wenn man sie im Original betrachtet, tatsächlich beeindruckend. Und zweitens hat mir die Ausstellung durch die strenge Anordnung in Werkgruppen und die sehr gute Einführung im Begleitheft vor Augen geführt, was für ein faszinierender Künstler Thomas Ruff eigentlich ist.

    Unabhängig davon, ob mir die Ergebnisse – also die ausgestellten Bilder – selbst zusagen oder nicht. Spannend ist der Weg dorthin, und die vielfältigen Ansätze der Bildfindung von Thomas Ruff haben mich beeindruckt.

    Für einen Kunstbanausen wie mich, der Kunst immer irgendwie analytisch erfassen will (99% aller Kunstwerke wirken eben nicht emotional auf mich, sondern sie werden für mich aufgrund rein rationaler Erwägungen interessant), war (und ist) die RUFF-Ausstellung ein echtes aha-Erlebnis. Ich habe viel gelernt! Daher: Klares PRO!

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