Nürnberg

Interview mit dem Künstler Sebastian Kuhn

— Neben diesem Interview erschien auf gallerytalk.net bereits die Review “Bitte Teppiche nicht betreten – hiloored von Sebastian Kuhn in der Galerie Oechsner.

gallerytalk.net: Wenn ich an Sebastian Kuhn denke, kommt mir immer gleich Plexiglas als Schlagwort in den Sinn. In deinem neuesten Kunstwerk highfloored findet sich dieses auch wieder, aber eher als Ergänzung zu den dominierenden Bodenbelägen. Das Material Teppich taucht zwar auch schon in früheren Skulpturen auf, wird von dir aber hier wieder aufgegriffen und erhält mehr Raum. Warum wählst du dieses Material?

Sebastian Kuhn: Es taucht ja auch schon im Titel auf – highfloored. Es gab die Idee eine bodenbetonte Arbeit zu machen und eine Arbeit, die sich in erster Linie auf dem Boden abspielt. Das habe ich in der Form noch nie gemacht. Allerdings bin ich ausgehend von dieser Idee wieder mehr in den Raum übergegangen.

 Interview mit dem Künstler Sebastian Kuhn
Sebastian Kuhn, Hifloored, Foto: Thomas Riese

Am Anfang wollte ich ausschließlich mit Teppichboden arbeiten. Von dieser Idee habe ich mich dann wieder etwas entfernt, um vielschichtigere Bezüge herstellen zu können, aber eben den Teppichboden als Hauptbestandteil zu lassen. Es kam mehr Material dazu. Wenn ich eine Arbeit mache, gehe ich eigentlich nicht in erster Linie vom Material aus. Aber ich verwende Material aufgrund spezifischer Eigenschaften, wie z.B. bei Acrylglas dessen Verformbarkeit.

gallerytalk.net: Wie entsteht diese Verformung? Hast du am Anfang eine genaue Vorstellung von der Form und bringst Du die Plexiglasplatte dazu, diese einzunehmen oder geschieht die Form im Prozess der Verformung. Also wie viel Perfektion und Planung bzw. Materialzufall spielt da mit hinein?

Sebastian Kuhn: Ich habe vorher eine klare Vorstellung der Komposition. Die Auswahl der Farbe, die Beschaffenheit des Materials und wie die Verformung geschieht, ist schon sehr klar vorher bestimmt. Man muss aber dann im Prozess auf das Material reagieren. Da spielt der „Zufall“ eine gewisse Rolle. Ich versuche diesen aber soweit wie möglich zu kontrollieren.

Die Wahl des Teppichbodens hat (dann) einen anderen Grund. Ich wähle Material oder Objekte als Basis für meine Arbeit aus, da sie bestimmte Eigenschaften besitzen oder aus einem bestimmten Alltagskontext kommen, die etwas Bestimmtes transportieren.

Es ist dann schon so, dass ich eine Idee habe zu der das Material dann hinzukommt. Es ist dann ein Objekt, dass ich für eine bestimmte Idee auswähle. Die Werke sind keine Assemblage, sondern mehr etwas zu einer Idee Zusammengebautes. Die Objekte werden dann so bewusst gesetzt, physisch verbunden, dass inhaltliche Bezüge entstehen.

gallerytalk.net: Wenn ich das richtig verstehe hast du eine Idee im Kopf, ein Konzept, und wählst das Material explizit dafür aus und belegst es durch die Bezüge mit einer neuen Bedeutung. Dann könnte man beinahe von einer eigenen Materialikonographie sprechen. Jedes Material hätte dann eine symbolische Bedeutung.

Sebastian Kuhn: Auf jeden Fall. Ikonographisch bestimmt, symbolisch eher weniger. Die Bedeutungsebene ist das Wichtige. Die Bedeutung, die das Material oder eben auch ein Objekt im neuen Zusammenhang hat und aus der ursprünglichen Verwendung noch trägt.

Objekt und Material – das kann ich nicht immer direkt trennen. Teppichboden zum Beispiel ist sicher das Material Teppich, aber dann auch das Objekt, wenn er als ein geketteltes Quadrat da liegt.

Diese Mehrdeutigkeit interessiert mich sehr. Objekte auf eine Materialebene zu bringen oder umgekehrt. Wenn ich mit einer Treppe arbeite oder mit einem Auto (Abb.), waren es zwar schon fertige Objekte. Indem ich sie oft dekonstruiere, verschiebe ich sie zunächst auf eine Materialebene, um dann in einem neuen Zusammenhang eine neue Bedeutungsebene zu generieren.

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Dekonstruktion und Rekonstruktion in Z4UTURNAROUNDROTATION, 2011, BMW Z4 Karosserien, Aluminium, Stahl, Schrauben 500 x 250 x 200cm © Sebastian Kuhn und VG-Bildkunst Bonn, Fotografie Thomas Riese

Das eine Objekt ist Teil eines großen Ganzen, wo dann auch inhaltlich neue Bezüge entstehen. Ich versuche persönliche, offene Behauptungen zu machen.

gallerytalk.net: Und was ist deine offene Behauptung von highfloored?

Sebastian Kuhn: Ich versuche mit den Erinnerungen, den Alltagserfahrungen des Betrachters, zu arbeiten. Das ist in highfloored auch ein wichtiges Moment, dass es relativ normale Dinge gibt, die hier zusammen spielen und eine Art Bedeutungsparcours ergeben.

gallerytalk.net: Das ist ein sehr spannender Ansatz, weil er dich als Künstler und deine Deutungshoheit komplett herausnimmt. Du stellst nicht deine Interpretation, deine Deutung an die erste Stelle, sondern die durch das Kunstwerk ausgelöste Reflexion in dem Rezipienten.

Sebastian Kuhn: Nicht ganz, da ich mich selbst als ersten Rezipienten sehe. Das ist auch die Art wie ich arbeite. Ich probiere die Dinge an mir vorher aus.

gallerytalk.net: Solche Kunstwerke wie deine, raumübergreifend wie hier oder sehr große Skulpturen aus Treppen oder Autokarosserien aus den vergangen Jahren, die eine immense Größe haben, sind eher für den musealen Raum konzipiert. Jetzt stellst du wiederholt in einer Galerie aus, die Teil des Kunstmarktes ist. Wie wichtig ist es für dich, diesen ominösen Kunstmarkt im Auge zu behalten?  Oder ist das etwas, was dich überhaupt nicht interessiert?

Sebastian Kuhn: Also es ist in erster Linie auch wichtig, von seinem Beruf leben zu können. Klar. Wie auch immer sich das dann realisieren lässt. Es heißt ja nicht, dass dies nur über den Verkauf der eigenen Arbeiten sein muss. Bei mir ist das so, aber ich würde nicht sagen, dass ich Arbeiten mache, um sie verkaufen zu können. Jeder Künstler, der ernsthaft an einer Problemstellung arbeitet, kann auch bestätigen, dass man das an den Arbeiten sehen würde. Ich versuche den Markt so gut wie möglich auszublenden und fände das für mich persönlich sehr problematisch, wenn es anders wäre.

gallerytalk.net: Darüber musst du dir auch nicht wirklich Gedanken machen. Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass du seit 2006 jedes Jahr mindestens einen Kunstpreis erhalten hast.

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Der Künstler Sebastian Kuhn steht hinter, vor und in seinem Werk, Foto: Jaqueline Klusik

gallerytalk.net: Als Kunsthistoriker oder Kunstjournalist ist man gerne versucht, eine Schublade für einen Künstler und sein Werk zu finden oder Kategorien zu kreieren, wenn es die Schublade noch nicht gibt. Wo würdest du dich einordnen, wenn du dich selbst in eine Schublade stecken müsstest?

Sebastian Kuhn: Ich mache Skulptur und Installationen. Der Skulpturbegriff ist ja wirklich eine sehr breit gefasste Kategorie. Ich versuche diese ein bisschen einzuengen, aber ich kann mich eigentlich nicht selbst einordnen. Ich will es auch gar nicht, weil ich mich dann in dem, was ich mache, einschränken müsste. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich für eine Idee ein Medium benutzen muss, benutze ich es auch; nicht nur im Bezug auf Material sondern auch auf bestimmte Medien.

gallerytalk.net: Eine Abschlussfrage habe ich dann noch. Mir ist bei der Recherche aufgefallen, dass du einen sehr kargen Internetauftritt hast. Deine Homepage besteht nur aus einer Startseite und Kontaktdaten. Außerdem gibt es keine Suchfunktionenoptimierung für Google und ebenso wenig ein Facebook- oder Twitterprofil. Es gibt ja Künstler, da steht das Onlineprofil bevor das erste Werk fertig ist. Da gallerytalk.net ein Kunstblog im Internet ist, stellt sich mir dann die Gretchenfrage: Wie hält du es mit den neuen Medien? Wie ist dein Verhältnis zum Internet?

Sebastian Kuhn: Ich nutze das Internet sehr viel für Recherchen und um in Kommunikation zu treten. Auch um Bilder meiner Arbeiten zu versenden natürlich. Eine Internetseite für mich steht zwar schon länger im Raum, aber es ist mir viel lieber, wenn die Interessenten direkt zu mir kommen, man in direkten Kontakt treten kann und auf Fragen reagieren kann wie jetzt hier. Es passiert oft, dass Leute irgendwas im Internet recherchieren und dann steht irgendwo irgendwas. Oder man sieht irgendwelche schlechten Fotografien. Gerade im Bezug auf Skulptur ist das Ansehen, der reale körperliche Bezug zum Raum und zum Kunstwerk extrem wichtig für die Wirkung. In Bildform kann dies in eine falsche Richtung gehen.

gallerytalk.net: Bevor man nun Sebastian Kuhn googelt, sollte man lieber in die Galerie Oechsner kommen und sein Werk selbst kennen lernen. Die Ausstellung highfloored läuft noch bis zum 28. April.

Das Interview führte Jacqueline Klusik für gallerytalk.net am 15.04.2012.

Sebastian Kuhn auf gallerytalk.net: „Bitte Teppiche nicht betreten“ – hifloored von Sebastian Kuhn in der Galerie Oechsner

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