“Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten. Photographieren ist nur insofern Kunst, als sich seiner die Kunst des Beobachtens bedient. Beobachten ist ein elementar dichterischer Vorgang. Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen.” (Friedrich Dürrenmatt)
Dürrenmatts Worte über Fotografie kommen beim Gang durch die Arnold Newman Retrospektive Masterclass im C/O Berlin ad hoc in den Sinn. Anhand der auf zwei Etagen präsentierten Arbeiten zeigt sich eben jene Meisterschaft Newmans,
seine Umgebung und die Menschen in ihr feinfühlig zu beobachten, um schließlich das von ihm als wesentlich Erkannte eindrucksvoll ins Bild zu setzen. Die umfangreiche Schau in der Oranienburger Str. ermöglicht ein Herantasten an das Å’uvre sowie die Arbeitsweise eines der bekanntesten Porträtfotografen des 20. Jahrhunderts.
An den Wänden des alten Postfuhramtes reihen sich Bildnisse bedeutender Kulturschaffender, Politiker und Intellektueller aus diesem Zeitraum. Arnold Newman (1918 – 2006) unterscheidet sich von anderen renommierten Porträtfotografen wie Richard Avedon oder Irving Penn dadurch, dass er es grundsätzlich vorzog seine Modelle in ihrer gewohnten Lebens- bzw. Arbeitsumgebung anstatt im Studio zu fotografieren. Bei dieser Vorgehensweise orientierte er sich eher an Fotojournalisten wie Henri Cartier-Bresson als an den Konventionen klassischer Porträtfotografie.
Der Begriff des environmental portrait ist eng mit dem Schaffen Newmans verbunden. Details im Bildhintergrund sind demnach nicht lediglich als Staffage zu lesen. Ihr symbolischer Gehalt eröffnet vielmehr den Bezugsrahmen, innerhalb dem der Porträtierte verortet werden kann. Der Dialog, der sich zwischen den abgebildeten Körpern bzw. Gesichtern und deren Umfeld entwickelt, wird durch die spannungsreichen Bildkompositionen oftmals markant in Szene gesetzt und ermöglichte es Newman so, spezifische Facetten einer Persönlichkeit zu akzentuieren.
Das Eintauschen der kalkulierbaren Studioumgebung gegen reale Lebenswelten bedeutete für den Fotografen zugleich, sich auf Unbekanntes einzulassen. Hier gewährt die Ausstellung einen bemerkenswerten Einblick in die Arbeitsweise Newmans, bei dem sich zeigt wie wohlüberlegt seine Inszenierungen tatsächlich sind. Anhand von ausgestellten, mit handschriftlichen Bemerkungen Newmans versehenen Abzügen lässt sich die penible Genauigkeit erkennen, mit der er beispielsweise die Bildausschnitte seiner Fotografien wählte. Zudem wurden nur jene Aufnahmen für akzeptabel befunden, die exakt den Ausdruck zeigten, der Newman für das jeweilige Modell vorschwebte, wie man es an einer Porträtserie Picassos bestaunen kann.
„Mich interessiert, was Individuen antreibt, was sie aus ihrem Leben machen. Ich wäre ein guter Psychiater.“ (Arnold Newman)
Dass der Versuch, durch die Fassade der Menschen zum Wesenhaften zu gelangen meistens, jedoch nicht immer gelang, zeigen Porträts wie das von Truman Capote oder Henry Geldzahler, in denen im Angesicht der undurchdringlichen Pose des Modells die Künstlichkeit als solche zum eigentlichen Gegenstand des Bildes wird.
Die Struktur der Ausstellung, die sich durch thematisch gegliederte Einzelräume generiert, lässt einzelne Aspekte bezüglich Newmans Arbeit gelungen hervortreten. Darüber hinaus werden auch innerhalb der Newmanrezeption marginalisierte Themen wie seine Beschäftigung mit unterschiedlichen fotografischen Techniken, der Einsatz von Licht oder die Bedeutung der Geometrie in seinen Architekturfotografien aufgegriffen.
Im Zuge des Begleitprogramms zur Ausstellung Masterclass gibt es am Donnerstag, 3. Mai noch einen Vortrag von Prof. Dr. Thomas Macho zum Thema „Gesichter als Medien. Überlegungen zur Porträtfotografie“.
Arnold Newman. Masterclass
Retrospektive
3. März – 30. Mai 2012
C/O Berlin
Oranienburger Str. 35/36
10117 Berlin
Täglich 11.00 – 20.00 Uhr
Eintritt: 10 / ermäßigt 5 Euro
http://www.co-berlin.info/
Quelle: Pressetext zur Ausstellung
Alle Fotos © Getty Images / Arnold Newman







